Zusammenfassung des Projekts "Unsere Gruppe verändert sich!"
(Die Einrichtung wird von vier auf drei Gruppen reduziert)
Wie können wir uns alle in dieser Situation zurecht finden und wohl fühlen?
Kindergartenjahr 2002/2003
Situationsbeschreibung:
- Wegen zurückgehender Belegzahlen musste die Einrichtung von vier auf drei Gruppen reduziert werden.
- Diese Entwicklung war absehbar. Wir arbeiteten ein Jahr mit verringertem Personalschlüssel und weniger Kindern in vier Gruppen, was sich organisatorisch in Vertretungszeiten als außerordentlich schwierig gestaltete.
- Die Entscheidung, die Anzahl der Gruppen von vier auf drei zu reduzieren, verunsicherte die Eltern, was ihre vielen Anfragen zeigte und sich an einem Elternabend bestätigte.
- Einige Familien hatten Veränderungen in der letzten Zeit erlebt, wie Trennung, Umzug, Arbeitslosigkeit.
- Die Erzieherinnen waren verunsichert, wie sie eine solche Situation gestalten können, dass sich alle Beteiligten darin zurecht finden und wohl fühlen.
- Die Kinder wussten zunächst nichts von der Situation.
- Dem Träger war klar, dass weniger Eltern auch weniger Beiträge bedeuten, somit weniger Geld in der Kasse ist, sich die Kosten für ein so großes Haus, Strom, Heizung usw., jedoch kaum reduzierten.
- Die Reinigungskräfte mussten ihre Stunden reduzieren, obwohl weiterhin alle Räumlichkeiten genutzt werden sollten - gruppenübergreifende Angebote.
- Auf Erfahrungen anderer Kindergärten im Umfeld wollten wir nicht zurückgreifen. Die Lösung, eine Gruppe einfach aufzuteilen und dabei auf Alters- und Geschlechtsmischung zu achten, erschien uns zur positiven Bewältigung unserer Situation im Kindergarten für keinen der Beteiligten ausreichend.
Theoretisch/objektive Dimension
- Kinder haben das Recht an der Gestaltung ihrer Lebenswelt
(z. B. UN-Kinderrechtskonvention Art. 12 u. a.) - Welche Erfahrungen benötigen Kinder, um eine solche Veränderung zu verstehen und bewältigen zu können? Wie wichtig sind Bezugspersonen und Rituale?
- Wir beachten, dass Kinder gegenwartsbezogen, konkret anschaulich und prozessorientiert denken und handeln.
Diese Situation ist als Schlüsselsituation geeignet:
Ich stellte fest: In unserem Leben sind wir immer wieder Veränderungen ausgesetzt. Unsere Kindergartenkinder können bei der Bearbeitung dieser Situation auf exemplarische Weise erfahren, wie sie mit Veränderungen umgehen können. Sie bietet ihnen die Chance, mit ihren gemachten Erfahrungen in ähnlichen Umbrüchen zurecht zu kommen. Die Kinder sollen die Veränderungen aktiv mitgestalten und mitbestimmen. Dadurch erfahren sie sich als autonome Personen. Im Prozess der Veränderung treffen sie Entscheidungen, die verantwortet und gelebt werden. Weiter bietet diese Veränderung die Chance der solidarischen Problemlösung.
Auf der sachlichen Ebene werden insbesondere die Kommunikationsfähigkeit verbal und grafisch-, Organisations- und Orientierungsfähigkeit, Fähigkeit zu Abstraktion angesprochen.
Qualifikationsbeschreibung:
Die Bearbeitung der Schlüsselsituation bietet allen Beteiligten, jedoch insbesondere den Kindern, die Chance, dass
- sie sich als aktive und mitbestimmende Persönlichkeiten erleben und ihre Selbstwirksamkeit erfahren
- grundlegendes ,demokratisches Verständnis entstehen kann
- Veränderungen auch als positive Erfahrung erlebt werden können
- sie sich mit ihren Wünschen, Ängsten, Sorgen ernst- und angenommen fühlen
- sie erfahren und verstehen, dass eine größtmögliche Übereinstimmung von Wünschen angestrebt wird und diese nur gemeinsam entwickelt werden kann
- Entscheidungen gemeinsam ausgehandelt werden können/müssen
- Kompromisse nicht notwendigerweise zu Unmut führen, sondern eine Bereicherung der Beziehungen sein können
Handeln:
- Die Situation wurde den Kindern anhand eines Schaubildes mit allen Gruppenräumen und entsprechenden Fotos der Kinder und Erzieherinnen erklärt. Die Fotos waren abnehmbar und konnten neu befestigt werden.
- Diese Schautafeln waren immer wieder Anlaß zu Gesprächen. Die Kinder verstanden so nach und nach die Situation. Die Tafeln begleiteten uns bis zum Abschluss des Projektes und boten auch Eltern, Träger und dem TEAM Gelegenheit zur Information, Austausch und Mitsprache.
- Um die Wünsche und Ängste der Kinder gut zu verstehen, fanden sehr viele Gespräche statt. Ich übte mich in der Methode "Aktives Zuhören".
- Um Beziehungen zu bisher weniger vertrauten Erzieherinnen zu vertiefen, boten wir viele gemeinsame Aktionen an und gaben Impulse im Alltag.
- Nachdem die Kinder sich in der neuen Gruppenzusammensetzung gefunden hatten, entwickelten sich Aktivitäten in der neuen Zusammensetzung. Auch mußte die Garderobensituation neu geklärt werden.
- Elternarbeit fand statt: Intensive Einzelgespräche, Elternabend, Eltern-Kindnachmittage.
Reflexion:
Mit Beginn des Kindergartenjahres 2003/2004 waren die drei Gruppen in neuer Zusammensetzung - Kinder wie auch Erzieherinnenteam - besetzt.
Während vieler Gespräche mit den Kindern, Eltern und im Team stellte sich der Projektverlauf und das Ergebnis als positiv heraus. Viele Kinder brachten die Situation mit Veränderungen in ihrer eigenen Person und mit mehr Selbstständigkeit in Verbindung (das ... kann ich jetzt auch schon machen).
Meine so positiven Erfahrungen während Gespräche in Form des aktiven Zuhörens ermutigten mich, dies verstärkt in meinen Alltag einzubringen und mich darin weiter zu schulen.
Ein Mädchen vermisste besonders eine Erzieherin, die unser Team verlassen musste. Ein Junge (3J.) und ein Mädchen (4J.) trauerten, dass sie nicht mehr in der gleichen Gruppe sind. Sie nutzen nun die vielfältigen Möglichkeiten des gruppenübergreifenden Raum- und Spielangebotes für viele Treffen. Mit der Zeit finden sie Kontakte zu gleichaltrigen Kindern in der eigenen Gruppe.
Zwei Kinder befürchteten, dass eine weitere Reduzierung der Gruppen anstehen könnte. Dies wollten sie nicht.
Die älteren Kinder freuten sich über den zusätzlich gewonnen Gruppenraum, den sie in ihr Spiel einbeziehen können.
Die innere Haltung der Erzieherinnen ist, nach meiner Einschätzung, offener geworden und der Austausch unter den Eltern und Erzieherinnen hat sich verstärkt.
Eine noch stärkere Beteiligung der Kinder und Eltern wäre bei mehr Projekterfahrung des gesamten Teams sicher möglich gewesen.
Kath. Kindergarten*Hl.-Dreikönige*
Pfarrer-Seiberz-Str. 9
55411 Bingen-Kempten
Tel. 06721 / 1 40 51


