Erkundung und Planung des Stadtteils
Eine besondere Form von Projekten ist die Beteiligung von Kindern an Planungsvorhaben. Hier können Kinder ihre Ideen und Wünsche in langfristig angelegte Vorhaben einbringen, von deren Realisierung sie eventuell nicht (mehr) selbst betroffen sind. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, Kinder in Planungsvorhaben einzubeziehen. Außer Befragungen kommt z. B. das Schreiben freier Texte oder das Anfertigen von Zeichnungen, Fotos, Collagen oder Modellen in Betracht.
Die Beteiligung von Kindern bei Planungsvorhaben berücksichtigt, dass Kinder - nicht Erwachsene - die eigentlichen Expertinnen und Experten für die Beurteilung der kindgerechten Gestaltung von Spiel-, Wohn- und anderen Lebensräumen sind. Sie hat den Nachteil, dass - wie schon bei den Kinderprojekten ausgeführt - die Umsetzung ihrer Planungen für die Kinder zu lange dauert bzw. die tatsächlich von der Realisierung des Projekts betroffenen Kinder aus anderen Gründen noch nicht in die Planung einbezogen werden können. Die Vorhaben sollten deshalb so gestaltet werden, dass in jeder Phase Kinder beteiligt werden und alle beteiligten Kinder Ergebnisse ihrer Bemühungen erfahren können - von der Erkundung bis zur Realisierung.
Stadtteilerkundung

Beispiel 1:
Bad Kreuznach
Zukunfts(t)räume
Seit mehr als 10 Jahren fährt das Spielmobil "DiMiDo" durch die ländlichen Regionen von Rheinland-Pfalz. Kinder und Jugendliche kennen den gelben Bauwagen mit dem großen Elefanten von vielen Spiel- und Forschungsaktionen in ihren Dörfern.
Die Konzepte, die Kinder und Jugendliche unterstützen sollen, ihre Interessen selbst zu vertreten, sind kontinuierlich weiter entwickelt worden. In der Auseinandersetzung mit politischer Beteiligung von Kinder und Jugendlichen entstand 1997 das Projekt "Zukunfts(t)räume". Das Spielmobil, in diesem Projekt der Ort für aktive Partizipation ist, gibt Kindern und Jugendlichen Gelegenheit Wünsche und Kritik zu äußern, mit Unterstützung von Erwachsenen ihr Spiel- und Lebensumfeld zu gestalten und den politischen Prozeß kennen zu lernen.
"Zukunfts(t)räume" wollen den Gedanken wirklicher Partizipation im Rahmen einer als Lebensform verstandenen Demokratie entwickeln helfen. Junge Menschen brauchen neue Möglichkeiten der gesellschaftlichen Beteiligung, damit sie frühzeitig lernen, demokratisch zu handeln. Der dualistische Charakter von Partizipation wird sich dabei erst einstellen, wenn Beteiligung einerseits wirksam wird, d. h. Engagement sich in den politischen Entscheidungen wiederfindet und andererseits gelingt, d. h. sich ein Lernprozeß bei allen beteiligten Akteuren ein Bewußtsein für die Notwendigkeit und Möglichkeit von Partizipation einstellt.
Dabei ist es egal welche Form der Beteiligung gewählt wird. Kinder sind Persönlichkeiten mit eigenen Interessen und Bedürfnissen, die Achtung und Respekt verdienen. Das Angebot der Beteiligung muß altersgemäßsein, d. h. die Methoden müssen dem jeweiligen Entwicklungsstand der Zielgruppe angepaßt werden. Jeder Ort braucht seine eigene, auf ihn zugeschnittene Beteiligungsform. Es gibt aufgrund der verschiedensten Konstellationen kein Patentrezept von Partizipationsformen und -methoden.
Die "Zukunfts(t)räume" des Bund Deutscher PfadfinderInnen (BDP) stellen eine projektbezogene Beteiligung in der Kommune mit dem Spielmobil DIMIDO dar.
Ziel der Zukunfts(t)räume ist Beteiligung von Kinder im Alter zwischen 5 und 12 Jahre bei der Planung und Gestaltung von Spiel- und Aktionsräumen im ihrem Ort. Das Projekt sollte eine langfristig wirksame Kommunikation und eine kontinuierliche Struktur der Verständigung und Kooperation zwischen Kindern, Erwachsenen und Kommunalpolitik initiieren.
Die "Zukunfts(t)räume" laufen in vier Phasen ab:
1. Überzeugen - Werben - Motivieren
Die Idee wird Erwachsenen im Ort vorgestellt
Bei einer zentralen öffentlichen Informationsveranstaltung stellt das Team sich vor, diskutiert die Projektidee, knüpft erste Kontakte und trifft Verabredungen. Gelingende Partizipation hängt von verläßlichen Partnern, angemessener Anerkennung für die TeilnehmerInnen und Engagement der Erwachsenen über den Einsatz hinaus ab. Eine Mindestsumme von 500 DM für die Gestaltung des Aktionsraums für die Wirksamkeit der Umsetzungsphase wurde vertraglich garantiert.
2. Forscher- und Phantasiephase
"Spürnasen unterwegs"
Alle Kinder aus dem Ort waren eingeladen, an drei Nachmittagen zusammen mit dem DiMiDo-Team ihr Lebensumfeld zu erkunden und Veränderungsvorschläge zu entwickeln. Die Eindrücke werden auf Dorfplänen, Fotos, Bildern und Wandzeitungen festgehalten.
Danach schauen die Kinder in der Phantasie- und Kritikphase was sie gut finden, bzw. gerne verändern würden. Alle Kritiken, Vorschläge und Wünsche werden ohne Wertung gesammelt und als Modelle aus Ton, Gips und Papier dargestellt.
Wenn die Kinder sich sicher sind, organisieren die Betreuer mit den Kindern eine öffentliche Veranstaltung. Dort wird die Prioritätenliste der Änderungsvorschläge präsentiert. An dieser öffentlichen Veranstaltung muß der Gemeinderat beteiligt sein, um den Kindern Antworten geben zu können.
3. Realisierungs- und Bauphase
"Jetzt geht´s los!" -
Der Vorschlag, der den Kindern am wichtigsten erschien und der mit ihnen zusammen auch realisierbar ist, wird an drei weiteren Nachmittagen mit dem Spielmobil-Team umgesetzt. Material und Werkzeug wurden organisiert, Bauanleitungen studiert, Fachleute angesprochen und Helfer gesucht.
Bei allen Umsetzungen war Eigeninitiative, kurzfristiges und prozeßhaftes Planen, Umsetzung mit geringem finanziellen Aufwand, bürgernahe Unterstützung, Identifikation und Mithilfe von Erwachsenen gefragt. Zum Abschluß der Bauphase wurde an jedem Ort ein Fest mit Abschlußpräsentation gefeiert. Die Kinder und Jugendlichen brauchen Anerkennung für ihr Engagement und wollen ihre Arbeiten zeigen. Während dieser Veranstaltung wurden in einer öffentlichen Diskussionsrunde Überlegungen und Absprachen zur Weiterarbeit und Kooperation vor Ort für die Zeit nach den "Zukunfts(t)räumen" getroffen.
4. Sicherungsphase
Angestrebt wird eine Verankerung der projektbezogenen Beteiligung in der Kreisjugendhilfeplanung und eine Vertiefung der Ergebnisse in den bereits beteiligten Kommunen. Dort zeigt sich ein großer Bedarf an Unterstützung und Beratung, damit die angestrebten und langfristig anhaltenden Wirkungen realisiert werden können. Für 1999 ist daher eine Konzeptionsänderung hin zur Vertiefung der Ansätze in einer Auswahl der bereits beteiligten 14 Orte vorgesehen. Die Fortführung soll in einem mobilen Beteiligungsprojekt "Zukunfts(t)räume - Weiter geht`s!" münden, in dem eine Anzahl von Orten durch das Spielmobil DIMIDO periodisch angefahren wird, um ein tragfähiges Kontaktnetz zwischen Kindern, Erwachsenen und Kommunalpolitik durch partizipative Kinder- und Jugendarbeit zu knüpfen. Begleitende Maßnahmen in Form von Schulungen für interessierte Erwachsene und Funktionsträger sowie fachliche Beratungen der Kommunen sind vorgesehen und sollen in Zusammenarbeit mit dem Landesministerium unterstützt werden.
Verfasser: Jens Voll
Beispiel 2:
Rhein-Pfalz-Kreis/Böhl-Iggelheim
Beteiligung von Kindern an einem Wohnhofprojekt
Das Projekt "Partizipation von Kindern und Jugendlichen an einem Wohnhofprojekt" startete im Herbst 1997 in der Gemeinde Böhl-Iggelheim. Es findet statt im Rahmen des experimentellen Wohnungs- und Städtebaus und wurde durchgeführt vom Planungsbüro B-Plan in Appenheim. Ziel ist, die Belange von Kindern in einem geplanten Neubaugebiet stärker zu integrieren und umzusetzen. Bei der Wohnumfeldgestaltung sollen Kinder direkt und unmittelbar einbezogen werden. Gleichzeitig soll erforscht werden, wie Kinder unterschiedlicher Altersstufen (Kindergarten und Schule: 5, 8 und 12 Jahre) mit dem Thema Bauleitplanung umgehen.
Da die späteren Mieter des Wohnhofs noch nicht feststanden, wurden Kinder aus unmittelbarer Nähe des Neubaugebietes beteiligt. In einer Modellwerkstatt bauten sie ihren Wunsch-Wohnhof. (Stellt euch vor, ihr würdet da wohnen. Wie sollte dieser Wohnhof dann aussehen?) Auf diesem Weg sollten die unterschiedlichen Wünsche und Bedürfnisse der Kinder herausgefunden werden. Um mögliche Unterschiede zwischen Stadt und Land zu ermitteln, wurden Orte mit verschieden großen Einwohnerzahlen und unterschiedlicher regionaler Funktion ausgewählt.
Eine Ausstellung zum Projekt kann über das Planungsbüro B-Plan ausgeliehen werden. Es ist ebenfalls geplant, eine Dokumentation zu erstellen, die Architekten, Landschaftsplanern und weiteren an der Bauleitung Beteiligten Anregungen zur Kinderbeteiligung gibt.
Weitere Projekte finden Sie auf der kinder- und jugendpolitischen Landkarte.

